Schulen im Regelbetrieb ohne ausreichenden Infektionsschutz gefährden einkommensschwache Familien besonders stark

Teile diesen Beitrag in deinen sozialen Netzwerken!

Die Schulöffnung im Regelbetrieb und ohne ausreichenden Infektionsschutz wird von vielen Experten mit dem Wohl der Kinder aus benachteiligten Familien begründet. Die Argumente sind meistens ähnlich: der Regelbetrieb gibt den Kindern eine wichtige Struktur in ihrem Alltag und bietet einen Rückzugsort zu dem oft problematischen Alltag zu Hause.

Bisweilen wird den einkommensschwachen Familien unterstellt, sie würden für ihre Kinder keine Mahlzeiten anbieten:

v„Schule sei darüber hinaus für viele Kinder auch ein Ort, der Struktur, Halt und eine warme Mahlzeit gebe.“ sagt die NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer laut Aachener Nachrichten vom 21.10.2020.

Diese Sichtweise auf die Familien ist problematisch, da sie vielen Familien die Fähigkeit abspricht eigene Kinder zu versorgen.

Problematisch ist auch, dass diese Herangehensweise die Lebensrealität der einkommensschwachen Familien außer Acht lässt.

Es sind die einkommensschwachen Familien und auch die mit Migrationshintergrund, die von Covid-19 Ansteckungen am häufigsten betroffen sind. So sieht die Situation in den Krankenhäusern aus:

„Die Patienten kommen zunehmend aus einkommensschwachen Verhältnissen. Schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, wenig Platz zum Wohnen.“ (Tageschau, 15.6.2020)

Auch haben Menschen aus einkommensschwachen Familien ein höheres Risiko an Covid-19 zu sterben (Tageschau, 15.6.2020).

Dies belegen auch Berichte aus anderen Ländern wie Schweden, wo insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund unter den Covid-19 Opfern zu finden sind:

„Many in these communities are more likely to live in crowded, multigeneration households and are unable to work remotely.” (AP News, 9.5.2020)

Übersetzung: „Viele aus der Bevölkerungsgruppe [mit Migrationshintergrund]  leben eher in überfüllten Mehrgenerationenhaushalten und sind nicht in der Lage von zu Hause aus zu arbeiten”.

Es ist davon auszugehen, dass auch in Deutschland Menschen aus einkommensschwachen Familien und aus Familien mit Migrationshintergrund deutlich öfter zu den Opfern von Covid-19 zählen werden.

Auch in Deutschland haben diese Familien deutlich weniger Wohnraum zur Verfügung und wohnen oft in Mehrgenerationenhaushalten, wo sich die Familienmitglieder (insbesondere auch ältere Generationen) nicht isolieren können. Dies bedeutet, dass in diesen Haushalten die gesamte Familie deutlich häufiger von Covid-19 Ansteckungen betroffen ist.

Auch Kinder mit Migrationshintergrund leben überdurchschnittlich oft in Mehrgenerationenhaushalten. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge  lebten in Deutschland 0,5% der Menschen ohne Migrationshintergrund in Mehrgenerationenhaushalten wogegen 2,6% der Menschen mit Migrationshintergrund auf diese Weise gewohnt haben (Stand: 2008). Auch die Erhebung von Emnid (PDF) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2010 bestätigt diese Zusammenhänge.

Die Covid-19 Infektionen in den Schulen werden in die einkommensschwachen Familien getragen, wo Social Distancing aufgrund von beengtem Wohnraum nicht möglich ist.

Es wäre also empfehlenswert, wenn die Gesundheitsministerien und Bildungsministerin auch diesen wichtigen Aspekt der Debatte im Auge behalten würden.

Denn es geht hier insbesondere für die einkommensschwachen Familien nicht nur um Bildung, sondern ums Überleben der Familienangehörigen und die psychischen Folgen, die mit dieser Belastung einhergehen.

Quellen:

Destatis: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Jahrbuch/jb-wohnen.pdf?__blob=publicationFile